Moore, Wälder, Seegraswiesen – Ökosysteme im Kampf gegen die Klimakrise

Die menschengemachte Klimakrise und das Arten-Aussterben bedrohen unsere Lebensgrundlagen. Jede weitere Tonne CO2 und jede weitere ausgestorbene Art sind eine Hypothek gegenüber folgenden Generationen und bringen die Erde an ihre ökologischen Grenzen. Ein Überschreiten dieser Grenzen gefährdet die Stabilität der Ökosysteme und damit auch die Lebensgrundlagen der Menschheit. Intakte Ökosysteme sind daher von zentraler Bedeutung für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen. Die Wiederherstellung von Ökosystemen und ihr Schutz sind ein wichtiger Baustein grüner Politik. Am 10. Februar 2020 hat die grüne Bundestagsfraktion zu einem öffentlichen Fachgespräch eingeladen. Diskutiert wurde die Rolle von sogenannten „Nature Based Solutions“ für den Klimaschutz. „Nature Based Solutions“ sind Maßnahmen, die den Schutz und die nachhaltige Nutzung von Ökosystemen und deren Funktionen in den Mittelpunkt stellen. Um dabei einen Beitrag zur Speicherung von CO2-Emissionen, die Anpassung an die Erhitzung der Temperaturen oder das Mindern der Auswirkungen der Klimakrise.

Naturschutz ist Klimaschutz

In seinem Eingangsstatement hob der Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter die Bedeutung des Naturschutzes für den Klimaschutz hervor. Zugleich verwies er auf die fatalen Ansätze, die in diesem Zusammenhang als „Lösungen“ diskutiert werden, wie beispielsweise Fichtenmonokulturen und Aufforstungsprogramme. Das sind keine gesunden Ökosysteme. Es sind Plantagen, die keinen Anteil am Natur- und Klimaschutz haben. Gerade diese Monokulturen sind besonders anfällig gegenüber Hitzeperioden und Schädlingsbefall. Der Fokus sollte viel stärker auf gesunden und naturnahen Ökosystemen, wie tropischen Regenwäldern und seltenen Moorlandschaften liegen.

Steffi Lemke, naturschutzpolitische Sprecherin, verwies vor allem auf die nationalen und internationalen Prozesse im „Biodiversitäts-Entscheidungsjahr“ 2020. Was für den Klimaschutz „Paris“ ist, soll für die Natur „Kunming“ werden. In China wird das globale Biodiversitätsgovernance neu aufgestellt. Die Vertragsstaaten der UN-Konvention über biologische Vielfalt wollen auf der COP15 in China einen neues Vertragswerk beschließen, ein neuer „Global Deal for Nature“. Zugleich verdeutlichte Lemke, dass es neue drohende Abwehrkämpfe und Auseinandersetzungen über die Art und Weise von Natur- und Klimaschutz geben wird.

„Nature Based Solutions“ – Kein Ersatz für Emissionsreduktionen

 Prof. Natalie Seddon von der „Nature Based Solutions Initiative“ der Oxford University hielt ein Plädoyer für das Zusammendenken verschiedener Politikbereiche: Klimaschutz, Biodiversitätsschutz und Entwicklungspolitik. Aus ihrer Sicht, ist es ein Fehler, die verschiedenen Krisen nicht gemeinsam zu adressieren. Prof. Seddon hob auch hervor, dass es sich die Menschheit nicht leisten kann, riesige natürliche Kohlenstoffsenken wie Regenwälder oder Feuchtgebiete in CO2-Quellen zu verwandeln. Ein eindringlicher Appell: Die Vernichtung gesunder Ökosysteme müsse endlich aufhören. Sie betonte, dass Biodiversität ein klares Kriterium für die Stärke von Ökosystemen gegenüber der Klimakrise ist. Ohne die Minderung von Emissionen und Klimaschutzmaßnahmen, werden auch gesunde Ökosysteme nicht die Klimakrise bekämpfen können. „Nature Based Solutions“ sind ein wichtiger Baustein, sie können aber Maßnahmen zu Reduzierung von Emissionen nicht ersetzen.

Das Super-Ökosystem Moor: Wiedervernässung, statt Acker auf Moor

Prof. Hans Joosten vom Greifswalder Moor Centrum referierte zum Super-Ökosystem Moor und ging dabei auf die vielfältigen Funktionen dieser besonderen Feuchtgebiete ein. Große Mengen an CO2 werden in Torfböden gespeichert, damit nimmt der Schutz von Mooren eine zentrale Rolle im Kampf gegen die Klimakrise ein. Moore bedecken zwar weltweit nur drei Prozent der Landfläche. In ihrem Torf sind aber über 500 Gigatonnen Kohlenstoff gespeichert. Das ist doppelt so viel Kohlenstoff, wie die ganze Waldbiomasse dieser Welt zusammen speichert. Daher werden Moore auch als Super-Ökosysteme bezeichnet. Prof. Joosten kritisierte vor allem den weltweit katastrophalen Umgang mit den noch existierenden Mooren. Moorflächen werden zu Palmölplantagen in Süd-Ost-Asien und weiterhin wird die Umwandlung von Moorflächen in Landwirtschaftliche Flächen in Europa massiv subventioniert. Aufgrund dieser Praktiken sind Moore heutzutage ein riesiger CO2-Emitent, statt natürlicher Kohlenstoffspeicher. Einen Ausweg, wie Landwirt*innen eine Alternative zum „Acker auf dem Moor“ angeboten werden kann, hat Prof. Joosten ebenfalls parat: Paludikultur. Das ist die landwirtschaftliche Nutzung von nassen oder wiedervernässten Moorböden. Der Anbau von Rohrkolben, die beispielsweise als Dachreet verwendet werden können, ist dabei nur ein Beispiel. Leider gibt es bisher keine ausreichende finanzielle Förderung von Paludikultur in Deutschland.

Zu warm, zu sauer: Ozeane, Seegraswiesen, Korallenriffe und Mangroven

Die Debatte um natürliche Kohlenstoffsenken und die Potenziale von gesunden Ökosystemen dreht sich oftmals um Landökosysteme. Heike Vesper (Leiterin Meeresschutz, WWF Deutschland) nahm die Anwesenden mit auf eine Reise in ungewohntes Gewässer – in die marinen Ökosysteme der Ozeane und Mangroven. Frau Vesper verwies zu Beginn Ihres Beitrags nochmal auf den Sonderbericht des Weltklimarats über Ozeane und die Kryosphäre. 70 Prozent der Erdoberfläche ist mit Wasser bedeckt. Marine Ökosysteme erfüllen dabei eine Vielzahl von wichtigen Funktionen die von zentraler Bedeutung für den Menschen sind. So geht beispielsweise ein Großteil des Sauerstoffs der Atmosphäre auf die Photosynthese mariner Algen und Seegraswiesen zurück.  Küsten und Ozeane sind Lebensraum für zahlreiche Arten, sowie Wohn- und Wirtschaftsraum für unzählige Menschen. Sie spielen sie eine zentrale Rolle bei der Speicherung von menschengemachten Emissionen und wirken nachhaltig auf das Weltklima. Ozeane nehmen unablässig menschengemachte Emissionen auf. Dabei kommen die fragilen Ökosysteme aus dem Gleichgewicht – die Meere werden immer wärmer, Sauerstoff wird entzogen, die Lebensräume der See und Küsten erodieren und maritime Hitzewellen durchziehen die Meere. „Bereits heute – bei einer globalen Erhitzung von ca. 1,1 Grad Celsius – ist das Massensterben im vollen Gange. Schon 50 Prozent der Korallenriffe, sozusagen die Kinderstube der Fischbestände, sind gestorben und viele Lebewesen sind vom Aussterben bedroht. Derzeitig steuern wir weltweiten auf eine Erhitzung von 3 bis 4 Grad Celsius zu, wenn wir nichts an unsere Klimapolitik geändert.“, unterstrich Heike Vesper.  Zugleich steigt durch das Abschmelzen der Pole der Meeresspiegel an und es folgt eine massive Zunahme an Stürmen. Diese wirken sich unmittelbar auf das Leben der  Menschen an den Küsten aus. Projekte u.a. in Asien und Lateinamerika zeigen, wie zielgerichtete Maßnahmen vor Ort die natürlichen vorhandenen Klimaschutzpotenziale heben und Lebensräume nachhaltig geschützt werden können. „Mangroven sind natürliche Lebensräume und Barrieren, die Überschwemmungen und Küstenstürme ab puffern, weil die Wucht der Wellen rausgenommen wird und das kommt eine Abbremsleistung von rund 60 Prozent gleich.“, so Vesper. Zahlreiche Best-Pratice Beispiele – wie ein Projekt des WWF zusammen mit dem Blue-Action-Fond – zeigen, dass es effizient und nachhaltig ist, in vorhandene natürliche Infrastruktur zu investieren, statt „Graue Infrastruktur“, wie Deiche und Dämme, hochzuziehen, so Vesper. Mangrovenschutzprojekte, sind daher starke Beispiele für wertvolle „Nature-Based-Solutions“.

Falsche Versprechen entlarven: technische Lösungen und Ökonomisierung der Natur

Der finale Vortrag des Abends zeigte, welche Gefahr von der Debatte um „Nature Based Solutions“ ausgehen kann, wenn diese für eine neue Ökonomisierung der Natur und für Greenwashing missbraucht wird. Die klimapolitischen Chancen und Potenziale von intakten Ökosystemen, sowie die Gefahren einer Instrumentalisierung des Naturschutzes stellte Linda Schneider (Referentin Internationale Klimapolitik, Heinrich-Böll-Stiftung) ins Zentrum ihres Vortrags. Ihre Botschaft: nicht jede Ankündigung von Klimaschutzmaßnahmen  und jede Klimaschutz-Technologie, wie beispielsweise Geoengineering, führt zum Einsparen oder einer Minderung von Emissionen. Klare Position bezog die Klimaexpertin zum Beispiel zur BECCS Technologie (Bioenergie und Carbon Capture & Storage). Bei dieser Technologie wird CO2 bei der Erzeugung von Energie aus Pflanzenanbau abgesaugt und unter die Erde gepresst. Die Technologie ist längst nicht einsatzfähig und es kann wissenschaftlich bisher nicht garantiert werden, dass dauerhaft und sicher CO2 unter der Erde gelagert wird. Zudem sind Fragen der Landnutzung und Vertreibung bisher nicht geklärt, denn schon heute ist der Druck auf landwirtschaftlich genutzte Flächen extrem hoch. Für eine großflächige Umsetzung der BECCS-Technologie fehlen schlichtweg die Anbauflächen. Außerdem hob Schneider hervor, dass es längst Szenarien für die Emissionsreduzierung des Weltklimarates gäbe, die ohne solche Technologien auskommen. Diese Szenarien verlangen jedoch einen schnelleren Ausstieg aus fossilen Energieträgern wie Kohle und ein Stärkung der natürlichen Kohlenstoffspeicher wie Moore und Seegraswiesen. „Wenn wir das Szenario schaffen wollen, dann dürfen die bestehenden Ökosysteme nicht für die Ökonomisierung und Kompensation der Verbrennung von fossilen Rohstoffen herhalten“, so Schneider. Hier bedürfe es auch weiterhin Achtsamkeit und Wissensvermittlung.

Emissionsreduktionen sind jetzt entscheidend 

„Der Klima- und Naturschutzdiskurs muss zusammengedacht werden, denn beide Entwicklungen sind dramatisch und bedingen sich.“, so Steffi Lemke abschließend. In den nächsten 10 Jahren kann die Trendwende noch eingeleitet werden und Klimakrise und Arten-Aussterben effektiv bekämpft werden. Politische Priorität muss dabei bei einer schnellen Emissionsreduktion und der Vermeidung von Treibhausgasen liegen.

Fazit des Fachgesprächs: „Nature Based Solutions“ können eine zusätzliche Unterstützung für den Klimaschutz sein. Sie dürfen aber weder als reine „Kompensations-Halden“, noch als Allheilmittel der Klimakrise betrachtet werden.  Im Umweltbereich laufen elf EU Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland. Europäische Vorgaben werden zu langsam oder gar nicht umgesetzt. Von Nitrat, über Feinstaub und Lärm, bis zu Stickoxid  – wenn wir noch nicht mal unsere Lebensräume der Moore, der Wälder und der Wattlandschaft schützen, dann schwächen wir den Kampf gegen die Vernichtung des brasilianischen Regenwalds und viele weitere internationale Anstrengungen. Was jetzt dringend notwendig ist: das Ende der Kohleverstromung bis 2030, ein konsequenter Abbau  fossiler Rohstoffe und eine umfassende Naturschutzoffensive für den Klimaschutz.

Teile diesen Inhalt: